Liebe und Wahn

Eröffnungsabend Festival startet mit einer witzigen Szenencollage und einem temporeich gespielten Klassiker des absurden Theaters (AZ vom 23.05.2012)

Die Sonne strahlt. Das Theater in Kempten blüht. Wer's nicht glaubt, sollte dieser Tage vorbeispazieren. Mit einer fulminanten dreistündigen Eröffnungsveranstaltung haben die 2. Kemptener Schultheatertage begonnen. Noch bis zum Freitag, 25. Mai, wird das Theater in Kempten von morgens bis abends von insgesamt 13 Schulen und Gruppen bespielt, besungen, betanzt und „bepflanzt". Unter dem Theatertage-Motto „Immer mehr ..." gehe es vor allem um „immer mehr Fantasie, immer mehr Miteinander und vor allem immer mehr Entfaltung", so Theaterdirektorin Nikola Stadelmann.

 „Ent- Falten" durfte sich auch das Publikum, das beinahe das ganze Theater füllte. In einem Mitmach-Kunstprojekt falteten, legten, zupften und puschten die Zuschauer aus Servietten bunte Blumen und „bepflanzten" damit im Foyer den „Theatergarten". Auch Schirmherrin Heidi Netzer hat dieses Jahr mit ihrer Klasse ein Mini-Musical einstudiert und plädiert damit für ein „Immer mehr an Zufriedenheit" („Das Schneckenhaus", Mittwoch, 10 Uhr). Ein Thema, das auch die Agnes- Wyssach-Schule immer wieder umkreist. Sie eröffnete mit einer Szenencollage aus Tanz und Schauspiel unter dem Titel „Was geht" den Abend. Unter den Händen von Christoph Müller, Beate Schmid, Hilde Stadelmann und Daniela Stricker legten die rund 25 Schülerinnen und Schüler eine „Wahnsinnsshow" hin. Geleitet von Fragen wie „Bin ich schön?", „Was ist Liebe?" oder „Wer bist du?" nahmen sie – mal chorisch, mal einzeln, mal als Formation oder auch nur im Duett mit einem kritisch-witzigen Fingerzeig – den Schönheitswahn, Meinungsmache oder Markenfetischismus aufs Korn. Was alles geht, das zeigten sie absolut beeindruckend. Die 13 Schülerinnen und Schüler des Carl-von-Linde-Gymnasiums unter Leitung von Dirk Brunschweiger überzeugten und begeisterten im zweiten Teil mit einem temporeichen und wortgewaltigen Spiel eines Klassikers des absurden Theaters: Eugène Ionescos „Die Nashörner". In einer in schwarzweiß gehaltenen abstrakten Bühne erzählten sie lebhaft, textsicher und souverän die abstrus-symbolische Geschichte, wie Menschen zu lärmenden Nashörnern mutieren. Schon beim Auftakt des Festivals ist passiert, was Pädagogen und Theatermacher gleichermaßen wollen: Die Kleinen ganz groß machen – und den Großen ein Podium geben, sich zu entfalten. Das Pflänzchen Schultheatertage ist noch jung, steht aber schon in voller Blüte. Heidi Netzer hat für nächstes Jahr ihre Schirmherrschaft zugesichert.